Ich bin laengst wieder in Californien, und meine Zeit vergeht wie im Flug. Ich gehe wahrscheinlich nochmal an den Strand. Und ueber den Marktplatz. Und mache noch eine letzte Stunde Deutschnachhilfe fuer William. Geniesse die Sonne, mit einem Klappstuhl vor der Eingangstuer, lauter Musik und vielleicht einem Buch. Und dann sitze ich wieder im Flugzeug und werfe einen dramatischen Blick nach unten, weil ich keine Ahnung habe, wann ich das hier wiedersehe.
Was habe ich eigentlich gelernt, in meinen sechs Wochen hier?
Ich habe etwas ueber Kultueren gelernt. Ueber sehr viel kalte Freundlichkeit und von allen akzeptierter Nachlaessigkeit. Ueber Fastfood und Faulheit. Ueber menschliche Waerme, die man nicht ernst nehmen darf und die eisige Kaelte, die in Gebaeuden herrscht. Wahrscheinlich sollte ich damit beginnen.
Ganz am Anfang war ich mit Xiaozheng einkaufen. Von dem Tag an gewoehnte ich mir an, eine Jacke mitzunehmen, wennimmer ich Gefahr lief, heute einem Geschaeft oder oeffentlichen Gebaeude nahe zu kommen. Mitten in der Wueste hat man hier die Angewohnheit, Gebaeude auf kuschelige 18 Grad herunterzukuehlen.
Xiaozheng nahm sich das Obst und verteilte es auf Tueten. Wiegen und laestige Klebezettel zwischen den Fingern kleben haben, gibts hier nicht, das uebernimmt die Kasse. Dort wuselten zwei Kassierer auch sofort um ihren EInkauswagen um die Sachen zu kassieren, in Tueten einzupacken, die vollen Tueten in den Wagen zu stellen und ihr dann ein kleines Touchpad zuzudrehen. Sie schob eine Karte rein, machte eine Unterschrift auf das Touchpad, fuhr den Wagen zum Auto und stapelte ihre Tueten in den Kofferraum. Der Einkaufswagen wurde an den naechsten Bordstein gefahren, dass er nicht gleich wegrollt. Auch hier bemuehten sich die Mitarbeiter des Supermarkes staendig darum, die Wagen wieder vom Parkplatz zu klauben. So viel zur Faulheit.
Im Hawaii kaufte ich mir ein neues Tagebuch. Ich hatte das genommen, was sich eignete: gross genug, mit Rand, liniert, guenstig. Es hatte Kreise auf der Vorderseite, die sich ein bisschen bewegen, weils ein Wackelbild ist.
An der Kasse begruesste man mich mit einem ueberschwaenglichen “HOW ARE YOU?”, in einem Ton, der im Internet zehn bis zwanzig ueberfluessigen Fragezeichen entspricht. Man schaute mich dabei nicht an und selbst, wenn ich reagiert hatte, haette mein “fine” ausgesprochen schnell und rueckartig kommen muessen, um zwischen der Frage und ihrem naechsten Satz Platz zu finden. Sie warf einen Blick auf das Buch und sagte, genau die Sorte habe sie auch immer in der Schule verwendet die Buecher waeren ja sowas von cool ob ich hier zu Besuch waere gefaellt mir Hawaii schoenen Tag noch HOW ARE YOU?? Das Gesicht bereits beim naechsten Kunden. Dann doch lieber ein unfreundlicher Blick und ein genervtes “Dreiz’n zwanzich, bidde”
Ich habe mir angewoehnt, niemanden zu verurteilen, weil er sich hier amerikanisch verhaelt. Ich glaube, man muss da Geduld haben. Sie meinen es nicht boese. Aber verwirrend kann es doch sein.
Zum Beispiel, als ich das erste mal einen amerikanischen Gottesdienst besucht habe, alleine. Der Empfang vor der Kirche war mit Essen und Trinken und viel Plaudern, und ich fing ein “So this is the first time you’re going to church?” an einen etwa Neunjaehrigen gerichtet auf. Ich wunderte mich ueber die lockere Ernsthaftigkeit des Satzes. So viel Freundlichkeit und Natuerlichkeit in der Stimme mit dem Unterton, ‘wir freuen uns wahnsinnig ueber deinen Beitritt’ stelle ich mir vor, wenn man als Neuling die Kirche einer Sekte betritt. Das soll nicht falsch klingen. In Baiersdorf hat man es nur immer eher mit Gleichgueltigkeit aufgenommen, ob ich mich einen Sonntag aufgerafft habe oder nicht.
Die Leute des vorherigen Gottesdienstes kamen aus der Kirche. Das Plaudern stieg an, bis der Pfarrer schliesslich mit einem kleinen Gloeckchen seine Schafe aufforderte, die heiligen Hallen zu betreten.
Mein erster Blick fiel auf die Baenke. Sie erinnerten stark an Kinosessel, von der Polsterung her. Kleine Bildschirme an den enden der vordersten Reihen zeigten auf schlichte Weise einen Bibelvers in die Richtung derer, die die Kirche betraten. Ich setzte mich und sah mich etwas um, viele hielten diese Zettel in der Hand, von der ich faelschlicherweise annahm, da waeren die Lieder draufgedruckt, nachdem ich nirgens Gesangsbuecher entdeckte. Ich fragte also das Paerchen vor mir, woher die Zettel stammen, und der Mann sprintete augenblicklich los, mir welche zu holen. Ich warf einen entschuldigensden Blick zur Frau, die laechelte, das ginge schon okay.
Die Zettel in der Hand bemerkte ich, dass das alles moegliche an Informationsblaettern zu den folgenden Events der Kirche war, und ein Kinderquiz ueber den heutigen Gottesdienst, aber keine Notenblaetter. Das Paerchien laechelte mich an: ”Is this the first time you’re going to church?”.
Ich weiss ja, das ich juenger aussehe - aber selbst wenn ich erst dreizehn waere, koennte man doch erwarten, dass ich schonmal eine Kirche von innen gesehen habe.
Die Liedertexte standen - ein bisschen wie Karaoke - auf zwei grossen Bildschirmen links und rechts vom Altar. Ohne Noten, was mir das Mitsingen erstmal erschwerte. Aber sie waren sehr eingaengig und irgendwie in der Weise, dass man den naechsten Ton immer schon im Kopf hat.
In Deutschland gibt es manchmal im Gottesdienst diesen kurzen Handschlag mit Segenswunsch. In Amerika sagte der Pfarrer, wir sollen uns rumdrehen, und ich tat es verwirrt. Ich war in dem Moment nicht sicher, was ich im hinteren Teil des Kichenschiffs Grosses betrachten sollte, und wollte mich etwas auf den Gang lehnen, um es besser sehen zu koennen. Aber als ich merkte, dass das Paerchen sich zu mir gedreht hatte und mich freundlich anlaechelte, stoppte ich in der Umdrehung und sie schuettelten mir die Hand und dann wurde geplaudert. Sie interessierten sich fuer meinen Aufenthalt hier und wir hielten eine halbe Minute voellig belanglosen Smalltalk, dann endete es abrupt mit ein paar Worten des Pfarrers und wir fuhren mit der Predingt fort. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass das die amerikanische Entsprechung zum genannten Handschlag war.
Die Predingt war sehr schwungvoll und gut ruebergebracht, der Inhalt teilweise fraglich. In Deutschland ist man wahrscheinlich vorsichtiger mit manchen Aussagen, dafuer ist der normale Gottesdienst aber auch ziemlich oede, vergleichsweise.
Insgesammt fand ich den Gottesdienst wirklich schoen. Es kam mehr auf Begeisterung an als auf eine Auseinandersetzung mit der Bibel und dem Glauben. Ich meine, dass ist ja irgendwie der Sinn von Tradition, das Feuer weiterzugeben und nicht die Asche zu analysieren und anzubeten (frei nach Benjamin Franklin). Trotzdem mag ich es, wenn man sich zumindest mal ansieht, ob man mit dem Brandstifter grundsaetzlich uebereinstimmen kann.
Die ganze Sache war ueberraschend schnell zuende und ich wollte zum Ausgang, da kam mir eine kleine, aeltere Frau laechelnd entgegen geschossen und bereute “I didn’t get a chance to say hello to you, what’s your name again?”. Ich hatte sie noch nie gesehen und antwortete irritiert. Sie selber hiess Agatha oder so, dann wuenschten wir uns einen schoenen Tag. Ich fragte Xiaozheng daheim danach, und sie sprach die weisen Worte:
“Americans often make friends within some secons…
and then they forget each others names”
Irgendwie ist das hier eine ganz eigene Denkwelt. Teilweise treibt es mich in den Wahnsinn. Teilweise gewoehnt man sich einfach dran und nimmt sie als anders auf, ohne Vergleich und Wertung.
Hier leben, wie ich mir das vor vier Jahren vorstellte, will ich nicht mehr. Aber hier gewesen zu sein, fuer anderthalb Monate, war eines meiner eindrucksvollsten Erfahrungen und - nebenbei - meine besten Ferien, glaube ich. Auch wenn gemuetliches Krabbenpulen an der Nordsee waehrend der fast schon stressigen Zeit in Hawaii doch verdammt verfuehrerisch klang.
Xiaozheng hat es mir einfach gemacht, mich hier vom ersten Tag an zu Hause zu fuehlen. Das rechne ich ihr sehr hoch an. Die Wohnungs- und Fahrradschluessel muss ich ihr in ein paar Tagen wieder zurueckgeben. Der Gedanke, dass ich Layly und Susan fuer unbestimmte Zeit nicht wiedersehen werde, ist schwer zu verdraengen. Ich muss dringend noch einige Fotos von den Dingen machen, die mir laengst alltaeglich geworden sind, aber es naechsten Sonntag schon nicht mehr sind. Vor sechs Wochen hatte ich das Gefuehl, ich bin noch nicht ganz bereit fuer das hier. Jetzt wuenschte ich, ich koennte noch etwas bleiben. Ist das jetzt Fernweh? Oder kann man das schon wieder als Heimweh bezeichnen?
Voll des Woimmer-ich-mich-gerade-eingesiedelt-habe-Wehs,
Tanja
Zweiter Weltkrieg, Dezember 1941, wollten sowohl Japan als auch Amerika das restliche Asien wohl so ziemlich ausbeuten, wegen Rohstoffen und billigen Arbeitskraeften und so. England hatte da ja auch schon Kollonien in Indien deshalb. In dem Museum wurde nur betont, wie schlimm die Japaner die armen Asiaten aubeuten wollen, Amerika habe da ebenfalls “Interessen gehabt” und wollte natuerlich, wie ueblich, die Demokriatie und den Kapitalismus schuetzen.
Zuerueck zum Angriff der Japaner auf Pearl Harbour. Pearl Harbour war ein Ort, an dem USA seine halbe Marine stationierte. Es ist so eine Bucht in Hawaii, die sich ziemlich gut eignet, weil sie nah an Japan ist (was erwaehnenswert ist, nachdem die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt offiziell keinen Krieg fuerten) und ausserdem ist das Gewaesser recht seicht, wofuer die derzeitigen Bomben nicht konstruiert waren. Japan konstruierte aber eigens dafuer Raketen, luden etliche Flugzeuge auf Schiffe und liessen sie kurz vor Pearl Harbour starten. Diese durften dann nicht so hoch und nicht zu niedrig fliegen, damit die Raketen auch schoen in der richtigen Hoehe explodierten. Etliche amerikanische Soldaten und Marinemitglieder kamen grausam um, aber ihre jungen, vaterlosen Familien freuen sich wie ein Stint, Amerika so dienen zu koennen und haben jetzt einige Medallien zu Hause rumstehen. Meinen Glueckwunsch.
Amerika war schwer angeschlagen, aber irgendwie schafften es die Nachrichten, den Amerikaner klar zu machen, dass das ein Schock fuer die Nation sei und nun die ganze Nation sich wehren muesse. Gut. Amerika war also in diesem Augenblick stark geeinigt, etliche meldeten sich freiwillig zur Armee zu toeten und sterben. Wiederum mit Medallien und der Trauer der Nation gehuldigt.
In Baiersdorf gibt es ein kleines Denkmal fuer die Gefallenen des zweiten Weltkrieges. Dort steht “Den Toten zum Gedenken. Den Lebenden zur Mahnung”. Mir ist dieses Denkmal eingefallen, als ich mir das Museum von Pearl Harbour angesehen habe. Der zweite Satz fehlte mir in hier vollstaendig. Ich habe Fotos geschossen, die ich spaeter noch hochladen werde. Wenige Schritte von den Andenken der Gefallenen und tiefer Trauer ueber die Grausamkeiten des Krieges entfernt, sah man dort Spielzeugsoldaten, T-Shirts, kleine Kampfschiffe fuer Jungs und sogar einen Kalender mit Bildern von Hawaii und dem Krieg. Soldaten im vollen Ornat, die laechelnd ein ebenso laechselndes hawaiianisches, spaerlich bekleidetes Maedchen im Arm halten. Im naechsten Monat ein Luftangriff. In mir hat sich alles zusammengezogen.
Die Frage, die sich den Amerikanern auftut, ist nicht, wie man Grausamkeiten wie diese im eigenem Land oder anderen in Zukunft eventuell verhindern koennte, sondern wie man irgends diese tapferen Maenner fuer ihren Einsatz und ihren phantastischen Tod ehren kann. Auf dass man sich auch weiter ehrenvoll verstuemmele.
So, das war genug Bildung fuer heute. Ich hoffe, ich habe geschichtlich alles in einer passablen Reihenfolge behalten und nichts verdreht. Und ja, Andreas, ich weiss, dass ich mich sehr zum subjektiven Schreiben habe hinreissen lassen. Das geht nicht anders.
Aloha, ein letztes Mal.
Tanja
Nach drei Tagen auf der grossen Insel machten wir einen Inselwechsel auf Oahu. Die Insel, auf der Xiaozhengs Meeting stattfand, war zwar gunstiger, aber auch nur begrenzt abendfuellend. Raiser verabschiedete sich zu diesem Zeitpunkt nach Californien, er musste wieder arbeiten gehen, glaube ich.
Den letzten Abend auf der grossen Insel verbrachten wir mit Billiard spielen. Unten beim Pool stehen kostenlose Tische fuer die Gaeste. Waer doch nett, wenn ich Christian zurueck in Erlangen gnadenlos aufs Kreuz legen wuerde… oder e sich zumindest nicht fuer mich schaemen braeuchte.
Als ich ein wenig fuer mich alleine geuebt hatte, kam Xiaozheng rueber und bat mich, ihr die Regeln zu erklaeren. Ich tat mein Bestes, obwohl ich eigentlich selbst Anfaenger bin. Sie gewann promt die erste Runde. Susan war schwer beleidigt, als sie spaeter nicht das Anfaengerglueck hatte, auf das Xiaozheng ihren Erfolg schob.
Layly spielte mit mir eine Runde mit vereinfachten Regeln, waehrend ich im Pool war spielten Xiaozheng und Susan, und als ich wieder kam noetigte mich Susan nochmal mit drei oder vier Runden mit ihr. Die Regeln hatten sich inzwischen stark vereinfacht. So platzierte Susan fuer sowohl meine, als auch ihre Stoesse die Kugeln, wie es ihr passend erschien und man durfte so lange probieren, bis man eine seiner Kugeln getroffen hatte - oder zumindest wenigstens die Weisse. Klappte mal gar nichts, wartete man auf einen Augenblick, wo Tanja wegguckte, und stupste ein bisschen mit der Hand nach.
Am naechsten Tag auf dem Flug haben wir uns die Zeit mit rueckwaerts Buchstabieren vertrieben. Mit dem englischen Alphabet ist das fuer mich noch eine Stufe schwieriger. ’Mommy’, ‘Daddy’ und ‘Tatjana’ waren kein wirkliches Problem. Bei ‘Xiaozheng’ scheiterten wir alle hoffnungslos, bis auf die sogenannte. Ich bewies ihr mit Zettel und Stift, dass ich es wenigstens in Theorie konnte.
Und das letzte Erwaehnenswerte sind dann noch die Wortspiele in amerikanischer Werbung, die mir ueber den Weg gelaufen sind.
Auf einem Zeitungsautomaten der Wochenzeitung “weekly”: “Not your everyday newspaper!” (everyday = taeglich/alltaeglich)
Und an einem Billigkleidungs-Geschaeft: “Say hello to good buys!”
So, und das Letzte meinerseits zu Hawaii ist dann noch Pearl Harbour… nach der naechsten Maus (oder so).
Tanja
Hawaii - Goetter des Schwefels
Geschrieben von: Tanja, in Tanja abroad - Junkfood in Nahansicht Naja, und dann haben wir die Vulkane besucht, der Grund, worum Hawaii mit Flora und Fauna imponieren kann und ueberhaupt existiert. So richtig nah durften wir nicht ran, wegen irgendeiner gefaehrlichen Schwefelverbindung, die da austritt. Wir haben aber Loecher aus der Naehe gesehen, aus denen es wild dampfte und spaeter einen Ranger getroffen, der dann promt eine kleine Erklaerung fuer alle interessierten Anwesenden anbot. Er erzaehlte Geschichten, wie die von einer Hochzeitsgesellschaft, die hier voller Begeisterung ein Foto mit dicken Rauchwolken hinter sich machen liess. Heute kann man das Bild im Museum sehen und man weiss, haette der Wind in dem Moment gedreht, haette da keiner mehr gelaechelt.
Oder die Geschichte von den verfeindeten hawaiianischen Staemmen, die hier einen Kampf austragen wollten. Nachdem der eine Anfuehrer seine Leute vorgeschickt hatte und sie ein gutes Stueck entfert waren, sahen sie einen Feuer- oder Rauchball in der Ferne und fanden die Maenner auf dem Boden liegen, ohne Wunden und wie schlafend. Damals konnten sie sich nicht erklaeren, dass sie erstickt waren, und glaubten so, der andere Stamm habe die Goetter auf seiner Seite.
Einer der Vulkane, vom Meeresboden aus gemessen, ist sogar groesser als der Mount Everest, wenn man beruecksichtigt, um wie viel er den Meeresboden durch sein eigenes Gewicht nochmal runterdrueckt.
Aloha,
Tanja







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